Norbert Kron
Ich betrat das Raffles pünktlich
um neun. Es gewitterte draußen, ein subtropischer Weltuntergang, der über
die Wolkenkratzersilhouette hereinbrach, aber hier drinnen, in der kühlen
weißen Hotellobby, herrschte eine distinguiert englische Jahrhundertwende-Atmosphäre,
der nichts etwas anhaben konnte. Die Stimme am Telefon hatte mich scherzend
gewarnt, keine kurzen Hosen zu tragen, und so, in meinem Sommeranzug, wurde
ich vom Portier eilfertig in die Halle durchgewinkt, in der ich zur Linken,
in einer von schmiedeeisernen Gittern abgeteilten Ecke, die kleine Bar fand.
Was hatte ich nicht alles über dieses Hotel gelesen. 1887 von vier Armeniern
gegründet und nach Singapurs Stadtvater benannt, Sir Stamford Raffles,
war es bald zu einem der berühmtesten Hotels Südostasiens geworden.
Charlie Chaplin, King George V. und Ava Gardner hatten hier logiert - sowie
als einer der Ersten Rudyard Kipling. Ihm waren weitere Schriftsteller gefolgt,
Joseph Conrad, William Somerset Maugham und Hermann Hesse, und sie alle hatten
dem Haus seinen unsterblichen Mythos eingehaucht - wie sie Zigarre rauchend
und Cocktail trinkend ihre Abende inmitten einer dekadenten High Society
verbrachten, während sie am Tage in schwülheißen Hotelzimmern
saßen und auf klappernden Reiseschreibmaschinen ihre Romane schrieben … Und
dies hier war die legendäre Writer's Bar, in der ich saß und auf
meinen Gesprächspartner wartete.
Es waren nur vier Leute außer mir da, ein Pärchen und zwei Geschäftsleute. Ich bestellte, was sonst, einen Singapore Sling, und sah hinüber zum Eingang. Wie träge melancholische Geier kreisten die riesigen Deckenventilatoren über meinem Kopf, und in der gleißenden, klinischen Helle der Hotelhalle leuchtete das schaumgekrönte Rot der Cocktails, die die Gäste mit ihren Strohhalmen tranken, wie Blut. Die Zeit verging, fünf, zehn Minuten. Der Mann, der mit der jungen Frau zwei Tische weiter zusammengesessen hatte, beendete seinen Drink, erhob sich und schüttelte ihr zum Abschied die Hand. Erst jetzt bemerkte ich ihre Erscheinung, eine dunkelhäutige Asiatin mit hell schimmernden Augen, die ebenfalls einen Singapore Sling trank. Nur wenige Schritte von hier, in der Long Bar, hatte der chinesische Barkeeper Ngiam Tong Boon den Cocktail 1915 kreiert. Ich wusste, dass man im Hotel-Museum den Safe besichtigen konnte, in dem Ngiam seine Rezept-Bücher verwahrte - und auch eine hastig hingeschmierte Zutatenliste, die sich ein Gast 1936 von einem Kellner diktieren ließ.
Auch die beiden Geschäftsleute hatten ihre Cocktails ausgetrunken und verließen die Halle, noch immer über irgendwelche Wirtschaftstrends diskutierend. In diesem Moment war ein dumpfer Donner zu hören, das Licht in der Halle verlosch von einem Augenblick auf den anderen, wie ein Vorhang fiel tiefe Dunkelheit über die Bar, und nur die beiden Singapore Slings, die die Asiatin und ich tranken, leuchteten grell aus dem Schwarz heraus und erhellten unsere Gesichter. In einem ersten Impuls wollte ich mich erheben und zu ihr hinübergehen, wollte sie ansprechen und sie fragen, woher sie kam, aber dann hielt mich etwas zurück, ein Einspruch in meinem Inneren, auch mein Interviewpartner musste jeden Moment erscheinen, es war bereits eine Viertelstunde nach der verabredeten Zeit, und es wäre zweifelsohne unhöflich gewesen, mich mit jemand anderem in eine Konversation zu verstricken, da ich um das Gespräch mit ihm für mein Buch so lange und ausdrücklich nachgesucht hatte. Da ging auch schon wieder das Licht an, und ich sah, wie zwei neue Gäste die Bar betraten, ein groß gewachsener Mann und eine blonde Frau, die beide ebenfalls einen Singapore Sling bestellten. Das Geheimnis von Ngiams Rezept, dachte ich in diesem Augenblick, war nicht die ungewöhnlich komplexe Mischung aus Gin, Brandy, Cointreau und Dom Bénédictine - das Geheimnis war, dass Ngiam ihn als Lady's Drink kreiert hatte, dass hinter dieser Kreation wahrscheinlich eine Frau stand, der er ihn gewidmet hatte, eine Frau, deren Namen niemand kannte.
Die Asiatin trank ihren Singapore Sling aus und erhob sich, und als sie ging, warf sie mir, ehe sie sich umwandte, einen Blick zu. Ihre schimmernden Augen blieben mir noch im Kopf, als ich ihre Silhouette bereits mit leichtfüßigen Schritten hinaus in einen der Innenhöfe verschwinden sah. Ich blickte auf die Uhr, zwanzig Minuten nach neun, und ging zum Barkeeper hinüber. Ohne jede Geste der Entschuldigung, in fast selbstverständlichem Tonfall teilte er mir mit, dass mein Gesprächspartner eine Nachricht für mich hinterlassen habe - er werde aufgrund des schlechten Wetters nicht kommen und wolle mich am nächsten Tag hier treffen. Ich fluchte unhörbar, zahlte hastig und eilte hinaus in den Hof, in dem die Asiatin vor einigen Minuten verschwunden war. Die nach Regen duftende Luft Singapurs schlug mir wie ein warmes Tuch entgegen. Von ihr war nichts mehr zu sehen. Ich blieb noch einige Minuten stehen und atmete in die Nacht. Dann gab ich einem Kellner ein Zeichen, er solle mir noch einen Singapore Sling hierher auf die Terrasse bringen, und das letzte, was ich dachte, war: dass es vielleicht etwas Besseres gab, als die Liebe zu einer Frau in einem großen Roman zu verewigen, nämlich in einem legendären Cocktail.
Es waren nur vier Leute außer mir da, ein Pärchen und zwei Geschäftsleute. Ich bestellte, was sonst, einen Singapore Sling, und sah hinüber zum Eingang. Wie träge melancholische Geier kreisten die riesigen Deckenventilatoren über meinem Kopf, und in der gleißenden, klinischen Helle der Hotelhalle leuchtete das schaumgekrönte Rot der Cocktails, die die Gäste mit ihren Strohhalmen tranken, wie Blut. Die Zeit verging, fünf, zehn Minuten. Der Mann, der mit der jungen Frau zwei Tische weiter zusammengesessen hatte, beendete seinen Drink, erhob sich und schüttelte ihr zum Abschied die Hand. Erst jetzt bemerkte ich ihre Erscheinung, eine dunkelhäutige Asiatin mit hell schimmernden Augen, die ebenfalls einen Singapore Sling trank. Nur wenige Schritte von hier, in der Long Bar, hatte der chinesische Barkeeper Ngiam Tong Boon den Cocktail 1915 kreiert. Ich wusste, dass man im Hotel-Museum den Safe besichtigen konnte, in dem Ngiam seine Rezept-Bücher verwahrte - und auch eine hastig hingeschmierte Zutatenliste, die sich ein Gast 1936 von einem Kellner diktieren ließ.
Auch die beiden Geschäftsleute hatten ihre Cocktails ausgetrunken und verließen die Halle, noch immer über irgendwelche Wirtschaftstrends diskutierend. In diesem Moment war ein dumpfer Donner zu hören, das Licht in der Halle verlosch von einem Augenblick auf den anderen, wie ein Vorhang fiel tiefe Dunkelheit über die Bar, und nur die beiden Singapore Slings, die die Asiatin und ich tranken, leuchteten grell aus dem Schwarz heraus und erhellten unsere Gesichter. In einem ersten Impuls wollte ich mich erheben und zu ihr hinübergehen, wollte sie ansprechen und sie fragen, woher sie kam, aber dann hielt mich etwas zurück, ein Einspruch in meinem Inneren, auch mein Interviewpartner musste jeden Moment erscheinen, es war bereits eine Viertelstunde nach der verabredeten Zeit, und es wäre zweifelsohne unhöflich gewesen, mich mit jemand anderem in eine Konversation zu verstricken, da ich um das Gespräch mit ihm für mein Buch so lange und ausdrücklich nachgesucht hatte. Da ging auch schon wieder das Licht an, und ich sah, wie zwei neue Gäste die Bar betraten, ein groß gewachsener Mann und eine blonde Frau, die beide ebenfalls einen Singapore Sling bestellten. Das Geheimnis von Ngiams Rezept, dachte ich in diesem Augenblick, war nicht die ungewöhnlich komplexe Mischung aus Gin, Brandy, Cointreau und Dom Bénédictine - das Geheimnis war, dass Ngiam ihn als Lady's Drink kreiert hatte, dass hinter dieser Kreation wahrscheinlich eine Frau stand, der er ihn gewidmet hatte, eine Frau, deren Namen niemand kannte.
Die Asiatin trank ihren Singapore Sling aus und erhob sich, und als sie ging, warf sie mir, ehe sie sich umwandte, einen Blick zu. Ihre schimmernden Augen blieben mir noch im Kopf, als ich ihre Silhouette bereits mit leichtfüßigen Schritten hinaus in einen der Innenhöfe verschwinden sah. Ich blickte auf die Uhr, zwanzig Minuten nach neun, und ging zum Barkeeper hinüber. Ohne jede Geste der Entschuldigung, in fast selbstverständlichem Tonfall teilte er mir mit, dass mein Gesprächspartner eine Nachricht für mich hinterlassen habe - er werde aufgrund des schlechten Wetters nicht kommen und wolle mich am nächsten Tag hier treffen. Ich fluchte unhörbar, zahlte hastig und eilte hinaus in den Hof, in dem die Asiatin vor einigen Minuten verschwunden war. Die nach Regen duftende Luft Singapurs schlug mir wie ein warmes Tuch entgegen. Von ihr war nichts mehr zu sehen. Ich blieb noch einige Minuten stehen und atmete in die Nacht. Dann gab ich einem Kellner ein Zeichen, er solle mir noch einen Singapore Sling hierher auf die Terrasse bringen, und das letzte, was ich dachte, war: dass es vielleicht etwas Besseres gab, als die Liebe zu einer Frau in einem großen Roman zu verewigen, nämlich in einem legendären Cocktail.
4 cl Gin
4 cl Zitronensaft
1 cl Grenadine
2 cl Cherry Brandy
topping Soda

Helma Petrick