Tanja Dückers
Wir sind uns nicht einig: Camilo ist für die Polen, Marek für die Portugiesen, Nam Zey für die Russen und ich für die Japaner. Wir vier Berliner hocken seit Tagen über unseren WM-Wettlisten und toben vor den Fernsehern. Uns alle hat es nach der Wende aus unterschiedlichen Gründen in die laute, raue, labyrinthhafte Stadt an der Spree verschlagen: Camilo wollte weg aus seinem touriüberlaufenen Heimatnest an der Algarve, Marek hatte den Warschauer Smog, den Blick aus dem Klofenster auf die Selbstmörderleichen in der schmutzigen Weichsel und seine Knödel kochende Mutter satt, Nam Zey hat seine siebenköpfige Familie, sein Häuschen mit Zen-Garten und Kirschblüte in Kyoto verlassen, um Rockmusiker in der Straße David Bowies: der
O-Straße in Berlin-Kreuzberg zu werden, und ich hab meinen Job als Aufseher in der Eremitage verloren, weil ich bildungsbeflissenen Bonzen-Besuchern das Kleingeld aus den Seidentaschen gezogen hab. Wer in Petersburg arbeitslos wird, versuchts gern in Berlin: Ich arbeite jetzt mitten in der Stadt bei "Tanja", einem kleinen russischen Lebensmittelgeschäft gegenüber einer kleinen russischen Bar neben einem mittelgroßen russischen Buchladen, und bin froh, dass ich den Scheiß, den ich da verkaufe, nicht selbst essen muss.
"Vladi, schieb mal 'ne Flasche Wallbanger rüber!"
Das ist Camilo. Harvey Wallbanger ist der Kitt, der uns, neben der Abneigung gegen unsere jeweiligen Heimatländer, miteinander verbindet. Eine kleine, irische Oma, die von den Motorradfahrern, die ständig an ihrem Schlafzimmerfenster vorbeisausen, die Nase voll hat, hat den Stoff bei einer rotnasigen, jüngst verwitweten Freundin beim neugierigen Stöbern in einer Schublade mit vergilbten Liebesbriefen gefunden und seitdem erfolgreich als Narkotikum gegen die Easy-Rider-Truppe eingesetzt. Die Bande, die vor Oma O'Briens rosanen Schlafzimmervorhängen vorbeihupt und -rast, trinkt wiederum grundsätzlich nur Kräutertee aus mit schwarzen und silbernen Totenköpfen bemalten Thermoskannen, weil ihr Kumpel "Bengel" letztes Jahr im Suff gegen eine ziemlich stabile shoppende Oma-Front in ein Reformhaus gerast ist und - ein Wunder - von Unmengen an in Handtaschen gelagerten Kuchen, Kräuterkissen, Stützstrümpfen und einer 1 Meter großen Pappmaché-Multivitamintablette so abgefedert wurde, dass er nur einen mit Hubble-Teleskop erkennbaren Kratzer am rechten Handrücken aufwies.
"Ja ...", philosophiert Camilo und starrt nachdenklich über den Rand des Fernsehers, "die Dinge sind nie so wie man erwartet ... Das Leben steckt ... voller Überraschungen, und dieser Tropfen Wallbanger hier ... so hell, so harmlos wie er aussieht, ein bisschen Nass auf der Zunge ..."
"TOOOR!"
Marek triumphiert, das 4:0 gegen Polen, Camilo bricht geschockt ab. Nam Zey muss noch den japanischen Sieg über Russland verkraften, nur ich habe gute Laune, trinke Oma O'Briens nächtlichen Durstlöscher und freue mich, dass mein Leben zwischen Fußball, "Tanja", Easy Ridern und Reformhaus nie langweilig ist. Während ich noch einmal dem Zeitlupen-Tor von Pauleta zuschaue, sehe ich über den Rand des Fernsehers, wie Oma O'Brien sanft ein auf ihrem Kaffeetisch ausgebreitetes Poster der englischen Nationalelf küsst.
langenacht
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5 cl Wodka
2 cl Galliano
topping Orangensaft

 
Kedron Barrett