Hannelore Hippe
Es dampft in Bangsar Baru. Dampf ist nicht schwerelos, schon gar nicht hier. Zwar steigt er scheinbar ohne nennenswerten Widerstand vom klebrigen Teer durch die Fahrbahn geschwitzt einen Meter auf, doch lediglich um sich dann wieder ölig auf die vorbeirutschenden Autos zu legen. Jeden Abend gegen sechs Uhr dampft es auf den Ausfahrtsstraßen von KL, und um diese Zeit ist die Sicht auf die Dinge, das ist nicht zu leugnen, beschränkt.
Vom "Chilis" kann man die Doppeltürme des Petronas Tower Gott sei Dank nicht sehen. Sie versprühen seit dem Herbst 2001 eh nur noch einen staubtrockenen verhaltenen Zauber auf die wenigen Touristen, die nicht nur schnell von Singapur nach Bangkok jetten, sondern auch bei uns in der dampfenden Kuhle Malaysias vorbeischauen. Was suchen die bloß?
"Vor zwanzig Jahren war hier noch alles ..." Der stoppelbärtige Schotte mit dem Berlin-Käppi kippt sich leicht auf seinem Barhocker in Richtung der Dampfkarossen und wedelt mit dem linken Arm den verdreckten Palmen am Straßenrand zu. "Dschungel." Joe aus Ohio hat den Satz für ihn beendet und leert seinen Halben. Jeder hier kennt diesen Satz. Mindestens einmal am Abend macht er im "Chilis" die Runde um die Horseshoe Bar, an der sich lebensbejahende Ex-Patriots zum entspannten Stelldichein nach des Tages Müh und Trug festhalten. Ich bin erst seit knapp einem Jahr dabei. Einige aus der Runde bestellen schon seit fast zehn Jahren täglich ihr Quantum bei den eisklopfenden Indern hinter der Bar und glauben immer noch, dass sie freiwillig hier sind und jederzeit gehen können. Das erste Drittel meiner Ration wird in Kobaltblau vor mich hingestellt, ungefähr drei Minuten, nachdem ich das "Chilis" betreten habe. Solange dauert es für einen richtigen Presidente, gerührt, gemischt, geschüttelt und schließlich in die Plastikvase mit dem silbernen Strohhalm gegossen zu werden. Das Blau des Gefäßes ist so undurchdringlich wie der Dschungel hier vor zwanzig Jahren, und genau genommen habe ich das Getränk, das ich seit meiner Ankunft in KL in dieser Bar für Fleisch fressende Langnasen zu mir nehme, nie gesehen. Das interessiert mich auch nicht, wenn ich ganz ehrlich bin. Wie es schmeckt, das ist das Entscheidende. Ich sauge und es perlt angenehm, leicht säuerlich, an den Geschmacksnerven der Zunge entlang, die in den Chilitöpfen Malaysias tagtäglich Schwerstarbeit verrichten. Dann schlängelt sich der Presidente, müde Wärme verströmend, die Wände der Speiseröhre bis in den Magen hinunter.
Gibt er eine unscharfe Ahnung von einer Prise Salz preis, verschlungen mit verführerischer Süße? Unbedeutend, wenn man mich fragen würde. Nicht, was es wirklich ist oder wie es sich zusammensetzt, ist was hier zählt. Bin ich Chemikerin oder Historikerin?
Als ich hier ankam, im Viertel für gehobene und verrutschte Ausländer, fragte ich noch gern den norwegischen Angestellten der Ölfirma oder die elegante Referentin der italienischen Exportniederlassung nach den Lebensumständen der Bevölkerung. Nach Arbeitslosenzahlen und möglichen Problemen des multikulturellen Zusammenlebens. Da lächelten sie mich verständnisvoll an, schnippten gekonnt und leicht mit dem Finger und bestellten für mich den ersten Presidente. Den mit dem silbernen Strohhalm, der zwischen cyclamroten Lippen unverschämt und gut aussieht. "With a silver straw in our mouth." Das gilt für uns alle hier. Ich glaube, mein Kollege aus Paderborn - schon vier Jahre in KL - murmelte, dass ich noch ganz neu hier sei, und wenn ich mich recht erinnere, zwinkerte er dabei. So schien es mir zumindest. Und sie schoben mich in ihre Mitte.
Die Klimaanlage hat die Dampfperlen auf meiner Haut längst getrocknet. Es ist mein dritter Kobaltblauer, der letzte für heute. Ich sauge ihn auf. Er strömt in mir hinab. Ich habe nochmals verlängert. Ich bin ein "legal alien". Das ist schön. Traurige Tropen? Dass ich nicht lache. Wie er wirkt, das ist wichtig, nicht, was er ist. Das ist wirklich wichtig.
langenacht
sowhat
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5 cl Rum braun
2 cl Noilly Prat
1 cl Wermut ro
Dash Cointreau
Dash Grenadine

 
Robert Weber