Asta Scheib
Da sitzt sie nun. Innen alles ohne Kraft, dafür ein Zittern überall, wo Blut pulsieren sollte. Der Lebenssaft. Saft- und kraftlos ist Lily schon aufgewacht, das Herz scheint ihr auf dunkle, geheimnisvolle Weise versackt, wie ein Stein, denn kleine Wellen von Unwohlsein erreichen das Ufer von Lilys Bewusstsein. Das hat sie nun davon. Niemals hatte sie gewusst, wer sie ist, doch nun weiß sie nicht einmal mehr, was aus ihr werden soll.
Dabei war es schön gewesen. Gestern. Zu schön, um wahr zu sein. Das exotische Lokal im Keller des Bayerischen Hofes, Lily hatte davon gehört, kannte es aber nicht. Tom wollte dort zu Abend essen, nachdem sie in seiner Suite - na ja. War nicht so wichtig, Lily hatte ein schönes Haus, einen großen hellen Schlafraum mit Terrasse. Nur schlief sie da mit Jochen. In Hörweite waren die Kinder. Alles perfekt, der Traum von Glück. Doch immer, aus zweihundert Kilometer Ferne, die Anrufe, die SMS, die sie irritieren, abstoßen, anziehen und den Lügen zum Fraß vorwerfen. Tom weiß, wann Mann und Kinder aus dem Haus sind, ihn kann sie nicht abwimmeln, er wirft ihr die Lügenbälle zurück, gefüllt mit Lust und Angst, dem Triumph, dass Tom sie will. Weiß Gott, du hättest das Zeug zur Super Madonna, zum Superstar, sagt Tom, weil Lily in seinen Augen aussieht wie die Pop-Diva, die neulich ein Konzert im Colosseum gegeben hat. Und deine Stimme ist auch verblüffend, sagt Tom, sie ist soulig irgendwie, stark, nur nicht so trainiert, sonst könntest du auftreten.
Das mit der Stimme hat Lily oft gehört. Im Schulchor, in der Musicalaufführung ihrer Schule, als sie in "Les Misérables" die Rolle der Madame Thénardier gesungen hatte. Studiert hatte sie dann Amerikanistik, wie ihre Freundin. Ihre Magisterarbeit über den Umgang der Medien mit dem Untergang der Titanic hatte ihr Spaß gemacht. Dann war sie schwanger von Jochen und alles ging ziemlich schnell. Kind, Kinder, Haus und Hund.
"From Sarah With Love" sang die Pop-Diva im Colosseum und Lily fühlte sich angerührt von dieser Stimme, auch vom Aussehen der Sängerin. Wie könnte das sein - auf der Bühne stehen, das Mikro reinsaugen, den Kopf mit dem rotgesträhnten Blondhaar aufwerfen, die üppig unterspritzten Lippen halb geöffnet, den tosenden Applaus entgegennehmen. Lily füllte stattdessen Fläschchen für ihr Baby und brachte die Große in den Kindergarten. Jochen wünschte sich manchmal, am Abend, dass sie ihm auf dem Klavier etwas vorspielte. Nicht dass es langweilig gewesen wäre, aber es ist immer derselbe Tag, der sich wiederholt. Deshalb konnte es Tom geben.
Am Morgen nach Tom hatten schon immer die Gespenster der Reue gegen Lily gewütet, aber heute gebärdeten sie sich geradezu gemein. Das muss der Planter's Punch gemacht haben, dachte Lily, drei dickbauchige Gläser davon hatte sie getrunken, ohne an den Rum zu denken, der eng vermischt mit Zitronen-Orangensaft und Grenadine wie eine köstliche Limonade schmeckte. Wolf im Schafspelz.
Lily hatte auf die Toilette gemusst, im Vorraum sah sie sich im Spiegel und war erstaunt. Sie war zweimal da, zwei Frauen, die ihre Schirmmütze quer aufgesetzt hatten wie die Pop-Diva. Sie trugen ein Shirt in der Form eines Schmetterlings, das viel Brust und Bauch sehen ließ. Über der Hose mit superweitem Schlag glänzte das schwere Schloss eines metallenen Gürtels. Dabei wusste Lily, dass sie es war, die zweifach aus dem Spiegel herausschaute, sie erinnerte sich genau an sich, an sich selbst, jawohl, und sie sagte der anderen Lily, dass sie abhauen solle. Doch die dachte nicht daran zu verschwinden. "Was tust du hier?", fragte sie und warf die Lippen auf, wie Lily es tat, seit sie sich die Oberlippe ein wenig hatte unterspritzen lassen. "Wo ist Jochen, wo sind deine beiden Mädchen?"
"Das geht dich einen feuchten Schmutz an", rief Lily erschrocken und flüchtete in die Toilette, wo sie der anderen zu entkommen hoffte. Aber auch hier war ein Spiegel, und auch hier schaute die andere Lily mit ihrem Schmollmund und dem Rouge auf den Backenknochen hochmütig heraus und jagte Lily aufs Klo, wo sie mit zitternden Händen hinter sich abschloss. So. Die war draußen.
Lily wusste selber, dass sie hier am falschen Platze war. Dass auch Tom, der Reiche, Unabhängige ihr nichts abgeben konnte von dem, was ihn so attraktiv machte für die Frauen. Dass sie in den heißesten grellroten Nachtstunden mit ihm einsam blieb. Dass Tom nichts war als einer ihrer Träume, die sie sich mit schlechtem Gewissen erkaufte.
Lily hockte auf dem Klo und versuchte, tief durchzuatmen. Wenigstens ein Teil des Planter's Punch müsste doch aus ihr herausrinnen. Vielleicht war die blöde Lily aus dem Spiegel inzwischen verschwunden? Ja, doch, Lily würde nach Hause fahren, jetzt, sofort, nicht einmal an den Tisch zurück zu Tom würde sie gehen. Die andere Lily hatte nur eine kleine Tasche umgehängt, wie Lily selber auch, doch es war ihr, als triebe die andere sie mit einer unsichtbaren Peitsche heim.
langenacht
sowhat
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6 cl Rum braun
2 cl Grenadine
3 cl Zitronensaft
8 cl Orangensaft

 
Julia Freyer