Yaak Karsunke
Um neun Uhr war es an jenem 18. November 1990 in Santiago de Chile schon dunkel und immer noch warm. Im Dunkel leuchteten die weißen Plastikbecher, in denen die Bettler ihre letzten Tageseinnahmen auffordernd vor den Passanten schüttelten. Das Geklimper der Münzen und das Ticken der metallenen Blindenstöcke hatte ich noch im Ohr, als ich die Villa betrat, in der der Empfang stattfand. Ich wurde der Dame des Hauses sowie unserem Gastgeber vorgestellt, einem älteren Schriftsteller, der soeben den Nationalpreis seines Landes erhalten hatte, das sich seit kurzem vorsichtig, aber beharrlich aus den Fesseln der Militärdiktatur befreite: Die Ehrung des Romanciers José Donoso war ein Schritt auf diesem Weg. Als mein Freund Antonio mich zu ihm führte, erklärte er gerade einem anderen Gast die an einer Wand hängenden Blasinstrumente: silbrig glänzende, schmale und etwas verbeulte Fanfaren, mit denen früher die Wasserverkäufer in den Straßen auf sich aufmerksam gemacht hatten. In Chile war das Wasser immer noch - von zahllosen Keimen verseucht - untrinkbar; auf dem Empfang servierte ein Indio mit olivfarbener Haut in weißem Dinnerjackett und mit weißen Handschuhen Pisco sour auf einem Silbertablett.
Der Schriftsteller selbst war ein groß gewachsener, freundlicher Mann, der fast unauffällig eher am Rande der Party herumwanderte, in deren Mittelpunkt un-übersehbar eine spanische Autorin Hof hielt. Obwohl schon mehr als ein Jahrzehnt in den USA lebend, hatte sie jetzt offenbar gute Aussichten, einen namhaften spanischen Literaturpreis zu gewinnen, und die versammelte literarische Gesellschaft debattierte angeregt die Frage, was sie zur Preisverleihung anziehen solle. An diesem Abend trug sie ein ärmelloses Minikleid aus weißer Seide mit etwa pfenniggroßen schwarzen Tupfen, mindestens die Hälfte der Zeit über versuchte sie, den Saum über ihre Knie zu ziehen. Die Unterhaltung dominierte sie schlagfertig und nicht ohne Witz, gleichzeitig vermittelte sie unterschwellig wenigstens jedem zweiten ihrer männlichen Gesprächspartner die Bereitschaft, sich auf eine Affäre mit ihm einzulassen. Als die Kleiderfrage halbwegs beantwortet schien, verließ ich die Runde, versorgte mich mit einem weiteren Pisco sour und begann, die anderen Teile des großen Salons zu erkunden.
An den Wänden hingen Bilder von zum Teil namhaften lateinamerikanischen Malern, meine Aufmerksamkeit aber wurde von einem kleineren Gemälde gefangen genommen, das eine hölzerne Kirche am Meer zeigte, mit viel Himmel über dem eckigen Turm und einigen kleinen Figuren vor dem Portal. Eine eigenartig verlorene Stimmung lag über dem Ganzen, und ich versuchte noch zu ergründen, was mich daran so faszinierte, als Donoso neben mir auftauchte und fragte: "Gefällt es Ihnen?" - "Sehr, wer ist der Maler?" - "Ich weiß es auch nicht, aber es hing schon in meinem Kinderzimmer."
In diesem Augenblick öffnete sich das Kirchenportal, heraus trat ein olivfarbener Indio, nackt bis zur Taille, von der abwärts er in ein Paar Hosen aus glänzend bunten Federn - von Papageien oder Kolibris - gekleidet war. In seinen weiß behandschuhten Händen balancierte er ein geflochtenes Tablett mit beschlagenen Gläsern. Donoso und ich nahmen uns jeder einen Pisco sour, und während wir miteinander anstießen, bliesen die Engel, die jetzt über dem Kirchturm schwebten, auf den Silberfanfaren der alten Wasserverkäufer.
langenacht
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6 cl Pisco, 1 cl Triple Sec
1 Eiweiß, 5 cl Zitronensaft
2 cl Zuckersirup, Dash Angostura

 
Beatrice Bohl