Norman Ohler
Das Westcliff lag auf einer mächtigen Felserhebung mit weitem Blick über die nördlichen Vororte. Um zur Bar zu gelangen, musste man den Wagen an der Rezeption parken und sich von einem zwergenwüchsigen, livrierten Fahrer in einem Golf-Cabby über Serpentinenwege durch die Hotellandschaft zum Gipfel kutschieren lassen, wo eine exklusive Terrasse den distinguierten Afrika-Reisenden erwartete.
Der Commander der Johannesburger Drogenpolizei saß an einem der Tische, ein dickwandiges Glas in der Hand: Rusty Nail. Wieder trug er ein blütenweißes Hemd und eine maronenfarbene Krawatte. Er stand auf und lächelte, als Kraner ihm entgegentrat.
"Du siehst abgespannt aus. Alles okay?", fragte der Commander aufmerksam und nippte an seinem Drink.
"Ich glaube, die weltweite Drogenproblematik ist vor allem eine weltweite Drogenbekämpfungsproblematik", antwortete Kraner. "Du bist das Problem, nicht Umshlanga Kingsley."
"Bestell dir erst mal was", der Commander kratzte sich am Unterarm und winkte den Kellner heran.
"Was möchten Sie, Sir?"
"Ich nehm auch so einen Rusty Nail."
"Geht in Ordnung, Sir."
"Sie brauchen nicht Sir zu mir zu sagen."
"Das will ich aber, Sir", sagte der Kellner und ging davon.
Der Commander legte den Arm um Kraners Schulter. "Was glaubst du denn", sagte er, "wie oft ich an dem zweifele, was ich tue? Aber die Gesetze sind nun mal die Gesetze, an die müssen wir uns halten, sonst geht alles den Bach runter, das geht ganz schnell."
"Die Drogengesetze sind nicht deine und sind nicht meine Gesetze", sagte Kraner emotionslos. "Das sind amerikanische Gesetze, CIA-Gesetze aus den 50ern. Ich will damit nichts zu tun haben."
"Steigst du aus?"
"Natürlich steige ich aus", sagte Kraner und schaute über die Vororte.
Der Kellner stellte eine Schale mit Bretzelringen, Macadamia-Nüssen und paprikagefüllten Oliven auf den Tisch, dann den Drink. Golden spiegelte sich darin die Sonne und warf Lichtsplitter auf das weiße Leinentischtuch.
"Ich mag diese Bretzelringe", sagte der Commander. "Sind sie nicht viel besser als die normalen Pretzeln?"
"Bin da leidenschaftslos."
"Du kannst aus der Geschichte nicht mehr raus. Aber zusammen schaffen wir das, kein Problem."
"Du willst mir weismachen, ich hab keine Wahl?!" "Erinnere dich bitte daran, dass noch mehr Leute in diese Sache verwickelt sind. Du kannst dich nicht einfach umdrehen und weglaufen. Habt ihr einen Termin ausgemacht?" Kraner antwortete nicht.
Der Commander schaute ihn leutselig an und kratzte sich am Ohr. "Ihr müsst doch über irgendein Datum für die Übergabe geredet haben."
"Es soll am Ersten passieren", sagte Kraner niedergeschlagen und trank.
"Am Ersten schon?" Der Commander schaute auf die Datumsanzeige seiner Armbanduhr. "Das ist nicht mehr lange hin." Er pickte mit einem Zahnstocher zwischen seinen Zahnen herum und löste etwas Olivenfleisch. Dann lehnte er sich in seinem Stuhl zurück. "Ich würde gerne etwas mit dir üben. Wir müssen uns noch einen Tick besser kennen lernen."
"Was denn üben?", fragte Kraner müde.
"Den Überblick behalten. Eine gute Sache, wenn man das kann. Bedienung!"
Der Kellner, der mit einem Kollegen in ein Gespräch vertieft war, unterbrach mitten im Satz und trippelte heran.
"Die Rechnung."
"Die Rechnung, Sir. Bitte sehr."
"Geht an mich, mein Freund", sagte der Commander und holte seine Brieftasche heraus.
langenacht
sowhat
INTRO 1 2 3
4 5 6 7 8 9 10
11 12 13 14 15 16 17
18 19 20 21 22 23 24
25 26 27 28 29 30 31
32 33 34 35 36 37 38
39 40 41 42 43 44 45
46 47 48 49 50 51 52
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
4 cl Scotch
2 cl Drambuie

 
Gerd Áldozó