Judith Kuckart
Liebe M.,
gestern hat mir eine der vornehmen Hausfrauen aus dem Westen von Los Angeles eine Packung Earthquake Gel geschenkt. Durchsichtige Knetmasse. Damit klebt man fest, was zerbrechlich und kostbar ist. Nicht die Liebe, nein, sondern das zwölfteilige Zwiebelmuster, falls ein Erdbeben kommt. Soweit zum Profanen in Los Angeles. Aber es gibt hier auch das Göttliche, wo die Stadt aufhört und die Weite beginnt, die dieses Land ist. Wo die Wüste ist. Das wahre Geheimnis der Welt ist das Sichtbare, nicht das Unsichtbare. Wo das steht, fragen Sie? In der Wüste, in den Gesichtern der Steine und bei Oscar Wilde, im Dorian Gray. Ich bin mit Wilde im Gepäck Richtung Wüste gefahren, nach Palm Springs. Da wurde es dann wieder profan. Marilyn Monroe wurde hier 1952 in einem Tennisclub als zukünftige lkone entdeckt und zur Miss A-Bomb, Miss Atombombe, gewählt. Das Motel, in dem sie damals abstieg, Mira Loma, North Canyon Drive, ist im Innenhof blau gestrichen. Nicht meer-, sondern curaçaoblau. Schaut man aus dem Fenster, schaut man in einen Swimmingpool. Die Nacht in Marilyns Suite kostet 320 Dollar. Drehen Sie doch die Karte einmal um. Das ist nämlich eine Aufnahme vom Mira Loma, extra für Sie. Eine Karte mit Marilyn drauf haben Sie ja bestimmt schon. Und, stellen Sie sich vor, wie wir am Swimmingpool einen Swimming Pool trinken. Dann aber las ich: Bird of Paradise, und dachte, das könnte ja eine Hommage sein an die Schöne, die offensichtlich auch einen Vogel hatte und nicht von dieser Welt war, und trank zum ersten Mal Tequila und Amaretto und Crème de Cacao, weiß mit Sahne, weiß, zusammen.
Mein Motel in Palm Springs war nicht so schick wie das von Marilyn, aber hatte auch Pool. Trotzdem bin ich in die richtige Natur gefahren. In den Andreas Canyon, nicht weit von Palm Springs, wo an den Steinschichten ablesbar ist, wie die Pazifische Schicht sich in die Amerikanische geschoben hat und wie aus den Steinen Göttergesichter wuchsen. Denen ist egal, was man mit dem Rest seines Lebens macht, wenn man aus ihrem ewigen Canyon zurück zum Parkplatz, zurück zum Leihauto kommt. Die haben einen nicht mal gesehen, während man selber vor ihnen und ihren hohen zerklüfteten kalten Götterschultern sich fürchtete.
Abends bin ich in Palm Springs ins Casino gegangen. Hier ist erlaubt, was in Amerika sonst verboten. Das Rauchen. Eine Japanerin brachte ein doggie bag an den Spieltisch, für ihren Mann, der von da nicht wegkam. Beide hatten kurze Hosen an. Jemand spendierte mir einen zweiten Whisky und sagte: Las Vegas. Ich sagte, klar, Las Vegas, und habe da noch nicht geahnt: Die Nacht in Las Vegas wird die billigste meiner ganzen Amerikareise sein. Denn ich spiele nicht. Es war dunkel, als ich ankam, und die Stadt war eine flackernde glitzernde elektrische Aufgeregtheit mitten in der Wüste. Was man vom schönen Leben kennt, ist hier Kulisse, in der jedermann mitspielen darf. Das Zimmer in meinem ziemlich schäbigen Motel hat mir ein weiblicher Nikolaus mit nackten Beinen, mexikanischem Gesicht und rotweißer Pelzmütze auf den blauschwarzen Haaren vermietet. Gegenüber meinem Hotel war ein Wedding Event Hotel. Ein paar Straßen weiter stand auf einem Schild "Elvis slept here". Das Haus zu dem Schild war vor kurzem zusammengebrochen. Für mich auch das ein Event am Rand, am Rand der Straße.
Wie sagt man auf Postkarten gern im ersten Satz: Mir geht es gut.
Ich grüße Sie herzlich.
gestern hat mir eine der vornehmen Hausfrauen aus dem Westen von Los Angeles eine Packung Earthquake Gel geschenkt. Durchsichtige Knetmasse. Damit klebt man fest, was zerbrechlich und kostbar ist. Nicht die Liebe, nein, sondern das zwölfteilige Zwiebelmuster, falls ein Erdbeben kommt. Soweit zum Profanen in Los Angeles. Aber es gibt hier auch das Göttliche, wo die Stadt aufhört und die Weite beginnt, die dieses Land ist. Wo die Wüste ist. Das wahre Geheimnis der Welt ist das Sichtbare, nicht das Unsichtbare. Wo das steht, fragen Sie? In der Wüste, in den Gesichtern der Steine und bei Oscar Wilde, im Dorian Gray. Ich bin mit Wilde im Gepäck Richtung Wüste gefahren, nach Palm Springs. Da wurde es dann wieder profan. Marilyn Monroe wurde hier 1952 in einem Tennisclub als zukünftige lkone entdeckt und zur Miss A-Bomb, Miss Atombombe, gewählt. Das Motel, in dem sie damals abstieg, Mira Loma, North Canyon Drive, ist im Innenhof blau gestrichen. Nicht meer-, sondern curaçaoblau. Schaut man aus dem Fenster, schaut man in einen Swimmingpool. Die Nacht in Marilyns Suite kostet 320 Dollar. Drehen Sie doch die Karte einmal um. Das ist nämlich eine Aufnahme vom Mira Loma, extra für Sie. Eine Karte mit Marilyn drauf haben Sie ja bestimmt schon. Und, stellen Sie sich vor, wie wir am Swimmingpool einen Swimming Pool trinken. Dann aber las ich: Bird of Paradise, und dachte, das könnte ja eine Hommage sein an die Schöne, die offensichtlich auch einen Vogel hatte und nicht von dieser Welt war, und trank zum ersten Mal Tequila und Amaretto und Crème de Cacao, weiß mit Sahne, weiß, zusammen.
Mein Motel in Palm Springs war nicht so schick wie das von Marilyn, aber hatte auch Pool. Trotzdem bin ich in die richtige Natur gefahren. In den Andreas Canyon, nicht weit von Palm Springs, wo an den Steinschichten ablesbar ist, wie die Pazifische Schicht sich in die Amerikanische geschoben hat und wie aus den Steinen Göttergesichter wuchsen. Denen ist egal, was man mit dem Rest seines Lebens macht, wenn man aus ihrem ewigen Canyon zurück zum Parkplatz, zurück zum Leihauto kommt. Die haben einen nicht mal gesehen, während man selber vor ihnen und ihren hohen zerklüfteten kalten Götterschultern sich fürchtete.
Abends bin ich in Palm Springs ins Casino gegangen. Hier ist erlaubt, was in Amerika sonst verboten. Das Rauchen. Eine Japanerin brachte ein doggie bag an den Spieltisch, für ihren Mann, der von da nicht wegkam. Beide hatten kurze Hosen an. Jemand spendierte mir einen zweiten Whisky und sagte: Las Vegas. Ich sagte, klar, Las Vegas, und habe da noch nicht geahnt: Die Nacht in Las Vegas wird die billigste meiner ganzen Amerikareise sein. Denn ich spiele nicht. Es war dunkel, als ich ankam, und die Stadt war eine flackernde glitzernde elektrische Aufgeregtheit mitten in der Wüste. Was man vom schönen Leben kennt, ist hier Kulisse, in der jedermann mitspielen darf. Das Zimmer in meinem ziemlich schäbigen Motel hat mir ein weiblicher Nikolaus mit nackten Beinen, mexikanischem Gesicht und rotweißer Pelzmütze auf den blauschwarzen Haaren vermietet. Gegenüber meinem Hotel war ein Wedding Event Hotel. Ein paar Straßen weiter stand auf einem Schild "Elvis slept here". Das Haus zu dem Schild war vor kurzem zusammengebrochen. Für mich auch das ein Event am Rand, am Rand der Straße.
Wie sagt man auf Postkarten gern im ersten Satz: Mir geht es gut.
Ich grüße Sie herzlich.
2 cl Tequila
1 cl Amaretto
2 cl Crème de Cacao weiß
4 cl Sahne

Rolf Behm