Thomas Findeiss
Ein außerordentlicher Drink in einem einfachen weiten Glas, von heller Bernsteinfarbe, auf der Zunge erst heiß wie Absinth, dann gleich minzkühl; wie eine Katze, die einen erst umschmeichelt und dann einen unverhofften Tatzenhieb versetzt. Ich dachte an den Film "Süßer Vogel Jugend" von Richard Brooks, in dem die verlorene, hochfliegende Ex-&-In-Hollywood-Schauspielerin Geraldine Page den jungen Paul Newman schikaniert und dauernd puren Wodka dazu trinkt: Sie hätte diesen Drink als Frühstück nehmen sollen ...
Zwar steht Stinger in einer Reihe der Digestifs mit delirierenden Namen wie Bird of Paradise, Grasshopper und Rusty Nail - könnte aber genauso gut auch ein Starter sein, der den Mund klärt und erfrischt, was nach einem guten Essen nicht schaden kann, anstelle eines schrecklichen Frühstücks ebenso wenig. Aber die Getränkemoden sind despotisch und ephemer zugleich, wie alle Moden: Alles Südamerikanische ist derzeit beliebt und der Cognac vorübergehend kaltgestellt. Das war nicht immer so.
Ein französischer Zahnarzt könnte diese Kombination aus Cognac und Minze erfunden haben, um seine Patienten gefügig zu machen; oder ein Moslem, der meinte, klarstellen zu müssen, dass die Geschmacksnerven von einer himmelschreienden Gottlosigkeit sind.
Die Fähigkeit, die eigene Physiologie nicht unappetitlich zu finden, war vielleicht auch eines der Privilegien, das die Jakobiner mit Absicht abzuschaffen versäumten: Es gibt eben Dinge, die die Nerven reizen und das Bewusstsein trotzdem in den Stand der Könige versetzen. Und bei diesem Drink (sollte man das Essen auf später verschieben können) möchte man bleiben, bliebe er nicht bei einem: Denn der alkoholische Rausch liegt so fern und beruhigend apart wie Cirruswolken - und bis zum letzten Schluck ist man von dem Gefühl ergriffen, etwas im Mund zu haben, das so wenig mit gewöhnlichem Alkohol zu tun hat wie ein junges Mädchen mit einer enttäuschten, verheirateten Frau.
In Wahrheit ist Stinger einer der vielen exzentrischen Drinks, die kreiert wurden in den peinvollen Jahren der Prohibition. Damals gossen sie Minzlikör in den illegalen Brandy, um den Spritgeruch zu kaschieren.
Und Cesca, die schöne dunkeläugige Schwester von Tony Camonte - "Scarface" (in Howard Hawks gleichnamigem und bestem Gangsterfilm aller Zeiten) -, die so atemberaubend vor ihrem Geliebten Guino tanzt, hatte möglicherweise kurz zuvor einen Stinger gehabt; um kurz darauf von ihrem eifersüchtigen Bruder ertappt und zur Rede gestellt zu werden:

Tony: "That's a nice way of catchin', huh?"
Cesca: "What do you mean, catch me? I wasn't doin' nuthin'."
Tony: "You was kissin' him."
Cesca: "Sure, what of it?"
Tony: (growling) "I don't like it."
Cesca: "You're missing lots of fun, Tony ..."

Dieser Drink wird leider selten bestellt, sagt mir die Barfrau; obwohl er ein Grund mehr wäre, nach dem Essen hierher zu kommen.
Warum nur, frage ich, verschieben Sie ihn dann nicht einfach in eine andere Sparte der Karte? Stinger ist ein Name, der alle möglichen Assoziationen weckt. Eine davon trifft mit absoluter Sicherheit ins Schwarze.

langenacht
sowhat
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4 cl Cognac
2 cl Crème de Menthe weiß

 
Volker Henze