Heike Geissler
An einem Sommerabend vor zwei Jahren und drei Monaten, ich hatte meine Bar erst seit einer Woche geöffnet, war Vittorio plötzlich da. "Wohl wahr, ein Piano" und "Buon Giorno" sagte er und setzte sich ohne Umschweife an den Tisch direkt in der Mitte des Raumes. Ich sah sein graues, wohl lange nicht geschnittenes Haar und seinen Anzug, der einer Reinigung bedurfte. Ich hielt ihn für einen verarmten alten Alkoholiker. Vittorio war der einzige Gast. "Einen weißen Rum hätte ich gern, mein Kind." Ich hatte sein Kommen nicht bemerkt und erschrak; gerade noch vorm Kühlschrank hockend die Biere zählend, blickte ich direkt nach oben in sein Lächeln. Er hatte keine morschen Zähne, das konnte ich genau sehen. Ich wollte einwenden, dass ich kein Kind mehr sei, schon gar nicht
seines, doch strahlte er, wie er sich so über die Theke beugte, eine Güte aus, die mich ohne Einwand zu Glas und Flasche greifen ließ. Ich reichte ihm den Rum und war mir sicher, er könne sich diesen keinesfalls leisten …
Vittorio bezahlte nie. Die Getränke von mehr als fünfhundert Abenden sind noch unentlohnt, doch rechne ich nicht aus, was er mir schuldet. Nach dem Rum bestellte er Tequila, Wodka und Triple Sec. Ich sorgte mich ob der kruden Mischung, doch hatte ich keine Zeit, mir deswegen Gedanken zu machen, da sich die Bar mittlerweile gefüllt hatte.
"Ach bitte, mein Kind, bring mir doch Gin, Zitronensaft und Cola, in drei Gläsern versteht sich." Erstaunt schaute ich ihn an, zuckte dann mit den Schultern und griff nach den geleerten Gläsern, die er vor sich aufgereiht hatte. "Nein, nicht die Gläser", sagte er und legte seine Hand auf meine. "Wie soll ich den Überblick behalten. Lass mir nur die Gläser, sie stören doch nicht." Ich zog meine Hand zurück und fragte mich, wieso ich für ihn Kind, nicht Wirtin war. "Wissen Sie", sagte ich und stellte mich sehr aufrecht, "gewöhnlich trinkt man Cocktails anders. Man bestellt sich nicht die Zutaten, um sie nacheinander zu sich zu nehmen. Ich habe einen Barkeeper, der weiß, wie man mixt. Dem sollten Sie vertrauen." Wieder lächelte er; ich erinnere mich, dass ich darauf wartete, Gestank aus seinem Mund und seinen Kleidern zu empfangen, doch Vittorio hatte nicht einmal den muffigen Geruch mancher alten Leute. "Vergiss nicht meine Getränke, bitte", hörte ich, als ich mich zum Gehen wandte.
Lieblos brachte ich ihm seine Bestellung; ich war sehr gewillt, mich schikaniert zu fühlen. Ich kümmerte mich um die anderen Gäste, ließ mich loben für die Getränkekarte, für die Einrichtung der Bar. Für alle außer Vittorio war ich die Wirtin.
"Tarantella", hörte ich es plötzlich rufen. Ich stand mit dem Rücken zu den Tischen, um Gläser ins Regal zu sortieren, doch wusste ich sofort, dass dieser Ruf von Vittorio kam. Ich drehte mich um, sah, wie er das Cola-Glas abstellte - sieben leere Gläser befanden sich auf seinem Tisch. Er stand auf, rief, es sei Zeit für eine richtige Tarantella, und ging auf den Pianospieler zu. Ich wollte einschreiten, wollte ihn, diesen Eindringling, der jetzt auch noch laut wurde, aufhalten, doch blieb ich mit dem Poliertuch in der Hand hinter der Theke. Mit einem Lächeln schritt er zum Piano. So sollte einer gehen, wenn er seinen letzten Weg tut, dachte ich kurz und griff vielleicht deshalb nicht ein.
"Spiel mir die Tarantella", sagte Vittorio und stand nun aufrecht neben dem Piano. Der Pianist, dem ich für sein Minimalkönnen ein Minimalgehalt zahlte, weil er mir noch etliche Gefallen schuldig war, unterbrach sein Spiel, sah fragend zu mir und begann dann eine Melodie zu spielen, von der ich zuerst nur annahm, mittlerweile aber genau weiß, dass es keine Tarantella war. Vittorio, der so auf diesen Tanz bestanden hatte, schien zu ignorieren, dass der Pianist etwas Beliebiges spielte. Bei den ersten Tönen verneigte er sich vor dem Pianisten, dankbar vielleicht und sehr langsam, dann sprang er, hob die Arme weit nach oben, drehte sich erstaunlich behände um die eigene Achse. "Was bist du entzückend mit deinen braunen Beinen", schmeichelte er einer Tanzpartnerin, die nur er sehen konnte.
Nach seinem Tanz kam er zu mir, nahm meine Hand und hauchte einen Kuss darauf. Ich errötete, ich wusste, dass jeder mich ansah, und sagte, er solle das nächste Mal woanders tanzen. Dies sei eine Bar, nichts als eine Bar, meine Bar. Vittorio hielt noch immer meine Hand und sprach zu mir, indem er mir tief in die Augen blickte. "Aber Signorina, mein Kind, die Tarantella zu tanzen ist die einzig probate Art, einen Cocktail zu mischen. Verstehst du, Kindchen. Jedes Tröpfchen für sich ist wunderbar. Wenn ich mich aber zur Tarantella bewege, vermengen sie sich in mir und werden wunderbarer noch. Ein Rausch, ein Fest, verstehst du. So muss man mischen, nur so." Vittorio kam von da an täglich zum Trinken und Tanzen, einzig die Wochenenden sparte er aus. Oft befahl ich ihm fernzubleiben, ich sagte ihm, er blamiere mich und meine Bar.
Drei Monate sind seit seinem letzten Besuch vergangen. Drei Monate, in denen man sich oft mit einem weniger spöttischen als bedauernden Grinsen bei mir nach dem Kauz erkundigte. Ab heute werde ich nicht mehr mit einem Schulterzucken antworten, sondern auf die Getränkekarte verweisen. Dort, wo gewöhnlich Long Island Iced Tea stand, klebt nun in jeder Karte ein weißes Stück Papier.
langenacht
sowhat
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3 cl Rum weiß
1 cl Tequila, 1 cl Wodka
1 cl Gin, 2 cl Triple Sec
4 cl Zitronensaft, Coca Cola

 
Frank Tornow