Ginka Steinwachs
den roten* den blauen** sogar der grüne*** ist schöner.
ich bin auch nicht der größte.
der rote, der grüne und der blaue sind mindestens doppelt so groß wie ich.
sie haben es an sich.
man kann sie für voll nehmen.
aber damit nicht genug, werde ich auch nicht geschüttelt. das ist in meinen augen das schlimmste.
ich werde nicht geschüttelt, weder maschinell noch mit kräftigen stößen von hand.
alle anderen schüttelt man aus dem arm, mich nicht.
nie nie nie hat mich ein mixbecher von innen gesehen.
auch die flaschen haben etwas gegen mich.
auf viele andere fließen gleichzeitig aus zwei hälsen hochprozente ein, auf mich nur aus einem.
aber da ist doch wenigstens geist in der flasche.
adorno, der vater der frankfurter schule, hat ihn verabscheut: whisky, so etwas allgemeines.
er bedeckt hier ein drittel des verfügbaren platzes auf dem flaschenpodest. man könnte von einer bibliothek sprechen, denn die flaschen sind nicht namenlos,
sondern tragen titel.
wer sich da zurechtfindet.
jerom, ohne e am ende, ohne akzent auf dem e, findet sich da zurecht.
die story ist schnell erzählt:
seine eltern haben in marseille geheiratet.
daher der name. seine kindheit hat er als österreicher inheidelberg verbracht.
was für ein cocktail.
was für ein schwanz des hahns.
mein persönlicher werdegang:
ich bin zunächst ein glas, ein dickes.
halbhoch, irgendwie stumpf.
man schüttet als erstes eis eis eis in mich hinein.
dann gibt man ein schäufelchen zuckerkörner darüber.
darin gehen ein paar tropfen angostura auf.
die essenz der chinarinde macht den umtrunk braun.
hm, da scheint irgendetwas nicht zu stimmen.
denn mao tse tung am hinteren ende des raumes
ein wandfüllendes poster, reißt die schlitzaugen auf.
8 cl bourbonwhisky zischen darüber.
inzwischen stehe ich auf einem erleuchteten viereck
und werde von unten angestrahlt.
d r i n k-a r t.
vermutlich haben SIE derlei zuletzt im louvre gesehen.
einen hut habe ich auch. er besteht aus einem scheibchen limette und einer
schnitte orange, beide sehr
elegant zwischen den fingerspitzen ausgepresst.
kurz: ich werfe mich in schale.
und das ganze, oh lala , ohne rütteln ohne schütteln
verteilt sich einfach so.
farbe? fragt wer seinen nachbarn.
abricot (englisch) apricot (französisch) aprikose (deutsch ).
nein ,
ich werde n i c h t getrunken.
da widerspreche ich baudelaire.
ich werde gesüffelt. wenn SIE verstehen, was ich damit meine.
solche wie mich leert man nicht auf einen zug.
sondern man nimmt die einladung an, welche von mir ausgeht, vor mir zu verweilen.
manche verweilen auch hinter mir.
sie sitzen hinterm glas wie hinter glas.
es gibt cocktailbars, die haben etwas meditatives.
diese hier ist anders. es ist eine baggerbar.
da werden menschen gleichen oder verschiedenen geschlechts dazu angereizt,
miteinander zu sprechen, solange bis es daheim oder im freien zum wechselseitigen
gebrauch der geschlechter kommt, sagt
immanuel kant.
an den alten herrn habe ich schon die ganze zeit gedacht.
spukt da nicht so ein satz in seiner kritik der urteilskraft herum wie: der
kanariensekt ist angenehm?
natürlich nicht schön.
ich bin nicht schön.
aber vielleicht angenehm?
der person, die mich probiert, auf das erste nippen
mit den lippen gar nicht.
sie kommt gerade vom arzt und soll entschlacken.
dann so nach und nach verzieht sich das verziehen um ihren mund.
ich bin sehr aufmerksam bei der beobachtung meiner opfer.
und als so etwa ein stündchen am tresen vergangen ist, sagt sie tapfer:
schmeckt!
ich komme wieder!
schmeckt, schmeckt nach mehr!
ich denke: friede meiner flasche.
das ist ein perfekter schluss.
* Bloody Mary ** Blue Champagne *** Mojito
1 Würfelzucker weiß
Dash Angostura
8 cl Bourbon

Junko Wada