György Dalos
Meines Wissens kenne ich diesen Cocktail seit mehr als dreißig Jahren, obwohl das, was ich darunter verstand, nicht ganz der fachgemäßen Beschreibung des Getränks entspricht. Der Unterschied lässt sich historisch erklären. Im "real existierenden Sozialismus" waren nicht alle Zutaten dieses Getränks jederzeit vorhanden. So mangelte es in unserer stolzen Volksrepublik nie an Wodka und Tomatensaft, und der durchschnittliche Haushalt verfügte auch über je einen Kühlschrank mit leisem Summen, zumeist der Sorte "Saratov" oder "Minsk". Selleriesalz, Worcester- oder Tabascosauce gehörten hingegen in den Bereich des Exotischen. Dafür gab es zum Glück an jeder Ecke süßes und scharfes Paprikapulver, ein echt ungarischer Beitrag zur amerikanischen Erfindung samt seines russischen Grundstoffs. Ebenso verzichtete man auf die würdevolle Dekoration der Stangensellerie, auf den Barlöffel und das Cocktailglas. So stellten wir die Mixtur in einem ganz normalen Wasserglas mit Teelöffel her und viele benützten einen Strohhalm dazu, um den Genuss zu verlängern.
Selbstverständlich gab es genügend normale Bars im Lande mit professionellen Mixern, welche die Bloody Mary auf internationalem Niveau servierten. Wer jedoch die Trinkgewohnheiten des seligen Ostblocks kennt, weiß ganz genau, dass die meisten hochprozentigen Flüssigkeiten zu Hause konsumiert beziehungsweise dargeboten wurden und selbst das Trinken eine soziale, wenn nicht ideologische Funktion erfüllte. Wie ein damaliger Witz sagte: "Wie viele Wege haben die ungarischen Intellektuellen? Zwei: Der eine ist der Alkoholismus, der zweite ist ungangbar."
Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen, muss ich gleich anmerken, dass der Alltag im Budapester Dissidentenmilieu keineswegs aus lauter Sauferei bestand und dass die Beteiligten mit einem Auge jederzeit auf den "ungangbaren Weg" schauten. Die engen Wohnungen verwandelten sich an manchen Abenden in kleine Nachrichtenagenturen, Diskussionsklubs, Theater- und Konzertsäle der Gegenkultur. Wir schimpften nach Kräften auf das System, den Großen Bruder und die offiziellen Zeitungen. Die Glücklichen unter uns, die gerade von einer westlichen Touristenreise zurückkehrten - diese Gnade wurde den ungarischen Staatsbürgern jedes dritte Jahr einmal erteilt -, erstatteten erschöpfenden Bericht über den Kapitalismus. Wodka, Cognac, Bier und Wein, gelegentlich sowjetischer Champagner stellten allerdings nicht den Inhalt, sondern den lukrativen Rahmen für die Gespräche. Wenn jemand so viel getrunken hatte, dass für ihn einfache Worte wie "Menschenrechte" oder "Demokratie" zum Zungenbrecher wurden, dann verließ er die Gesellschaft Arm in Arm mit der zumeist nüchternen Ehefrau, oder man begleitete ihn bis zum nächstbesten Taxi.
Aber zurück zur Bloody Mary. Ich wandte mich diesem Cocktail aus dem einfachen Grunde zu, dass mir der Wodka nicht richtig schmeckte, und so versuchte ich ihn mit dem Tomatensaft zu veredeln, dessen Anteil ich eigenwillig erhöhte. Der Name meines Lieblingsgetränks strahlte die Atmosphäre klassischer Königsdramen aus und brachte mich mit jedem Schluck Shakespeare näher - für einen Schriftsteller, der ohnehin unter Publikationsschwierigkeiten litt, ein ebenso erhebendes Gefühl ("pick me up") wie etwa die Berührung eines Balljungen mit der Nationalliga.
Seit der Wende trank ich auf Reisen mit meiner Freundin in Hotelbars von Poznan, Zilina oder Chabarowsk die klassische Version der Bloody Mary. Sie schmeckte vorzüglich, aber ich vermisste den genius loci, die engen Wohnräume der 70er- und 80er-Jahre. Nebenbei gesagt entbehre ich auch die Gespräche von damals, deren Niveau in meinen Augen haushoch über den jetzigen Parlamentsdebatten und Medienkämpfen lag. Vielleicht trinken die Personen der Öffentlichkeit heutzutage zu wenig Bloody Mary, denn der Spaß, der damals für uns mit der Politik begann, hört bei ihnen ausgerechnet bei der Politik auf.
langenacht
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6 cl Wodka
1 cl Zitronensaft
20 cl Tomatensaft
Gewürze

 
Reinhard Stangl