Keto von Waberer
Jeden Abend, wenn der Himmel sich milchig
blau färbte und das Hupen auf der Insurgentes das Gekreische und Gepfeife
der Vögel zu übertönen begann, setzte sich mein Nachbar Ignazio
an das Bambustischchen in seinem Patio. Ohne Hemd und Schuhe, die Haare nass
vom Duschen, wartete er, bis der alte Raimundo in seinem indianischen Hemd
einen irdenen Becher vor ihn hin stellte, so einen wie man sie in Büscheln
an den Henkeln zusammengebunden kaufen konnte auf dem Gemüsemarkt. Ich
aber schaute ihm zu, durch den schmalen Schlitz unserer gemeinsamen Gartenmauer,
in dem bei meinem Einzug eine hässliche Keramikschnecke festgeklemmt
gewesen war. Ich wohnte noch nicht lange neben Ignazio, und die Schnecke
hatte ich kaputtgemacht.
Aus dem Becher in seinen braunen Fingern stieg kein Dampf auf, es war also weder Kaffee noch Schokolade drin, aber es musste etwas ganz Herrliches sein, denn Ignazios verknotete Stirnmuskeln glätteten sich bei jedem Schluck, und seine Augen, bis dahin bösartige funkelnde Schlitze, öffneten sich langsam, wie zwei bronzefarbene Stiefmütterchen. Fast gefiel er mir. Eigentlich gefiel er mir überhaupt, wie er da in der Abendbläue saß und mir, ohne das zu bemerken, mit seinen nackten Zehen zuwinkte. Sehnsüchtig nach dem was er trank, machte ich mir einen Kaffee und schlürfte ihn langsam, ohne meinen Nachbarn aus den Augen zu lassen. So verbrachten wir manchen Abend fast gesellig, bis die Narden zu duften begannen, Ignazio den dritten Becher gelehrt hatte und die Dunkelheit uns voneinander trennte.
Einmal freilich, und er war gerade bei den ersten genüsslichen Schlucken, warf er ganz plötzlich den Kopf herum und rief laut: "Spionin" (Espía), "Schneckenmörderin" (Matacaracol), "trübsinnige Jungfer" (triste Soltera).
Empört antwortete ich ihm mit "Säufer" (Borracho), "nackter Affe" (chango desnudo), "Flegel" (Grosero).
"Gefalle ich Dir so sehr?", brüllte er. "Du gaffst mich an."
"Du bist hässlich, missgestaltet und stinkst", rief ich zurück. "Man riecht es bis hierher."
Er sprang auf und kam an den Schlitz der Mauer. Ich konnte sehen, was für einen schönen haselnussbraunen Mund er hatte. Er spuckte, aber traf mich nicht. Ich überlegte, ob ich auch spucken sollte, war mir aber zu gut für solche Kindereien und verschloss den Schlitz rasch mit der zusammengeknüllten Zeitung.
Von nun an hasste ich meine Abende. Ich horchte und hörte, wie er drüben den irdenen Becher auf seinem Tisch hin und her schob. Er trank da also ohne mich, das Scheusal. Was immer er auch trinken mochte ohne mich.
Nach drei Tagen klopfte abends Raimundo an meine Tür. Sein rotes Hemd leuchtete in der Dämmerung. "Mein Herr bittet Sie um den großen Gefallen, in seinem Garten eine Margarita mit ihm zu trinken." Und als ich zögerte, fügte er bescheiden hinzu: "Mit Verlaub, Señora, ich mache die besten Margaritas der ganzen Stadt." Das war nicht gelogen, wie ich bald schmecken konnte, und er machte auch die wunderbarsten Tacos und Gorditas und Nopales dazu.
Der erste Schluck von einer Margarita ist wie ein Versprechen. Don Ignazios weiße Zähne leuchteten, als er lachte. Dennoch hatte er nur wenig von einem nackten Affen, wenn man ihn von so nahe betrachtete, und er stank auch keineswegs. An diesem Abend betrachtete ich ihn von ziemlich nahe und später beroch ich ihn auch ziemlich ausgiebig. Das war bei unserer vierten Margarita, und über uns fingen die Sterne an zu duften, als wäre der Himmel ein einziger großer Nardenstrauß.
Aus dem Becher in seinen braunen Fingern stieg kein Dampf auf, es war also weder Kaffee noch Schokolade drin, aber es musste etwas ganz Herrliches sein, denn Ignazios verknotete Stirnmuskeln glätteten sich bei jedem Schluck, und seine Augen, bis dahin bösartige funkelnde Schlitze, öffneten sich langsam, wie zwei bronzefarbene Stiefmütterchen. Fast gefiel er mir. Eigentlich gefiel er mir überhaupt, wie er da in der Abendbläue saß und mir, ohne das zu bemerken, mit seinen nackten Zehen zuwinkte. Sehnsüchtig nach dem was er trank, machte ich mir einen Kaffee und schlürfte ihn langsam, ohne meinen Nachbarn aus den Augen zu lassen. So verbrachten wir manchen Abend fast gesellig, bis die Narden zu duften begannen, Ignazio den dritten Becher gelehrt hatte und die Dunkelheit uns voneinander trennte.
Einmal freilich, und er war gerade bei den ersten genüsslichen Schlucken, warf er ganz plötzlich den Kopf herum und rief laut: "Spionin" (Espía), "Schneckenmörderin" (Matacaracol), "trübsinnige Jungfer" (triste Soltera).
Empört antwortete ich ihm mit "Säufer" (Borracho), "nackter Affe" (chango desnudo), "Flegel" (Grosero).
"Gefalle ich Dir so sehr?", brüllte er. "Du gaffst mich an."
"Du bist hässlich, missgestaltet und stinkst", rief ich zurück. "Man riecht es bis hierher."
Er sprang auf und kam an den Schlitz der Mauer. Ich konnte sehen, was für einen schönen haselnussbraunen Mund er hatte. Er spuckte, aber traf mich nicht. Ich überlegte, ob ich auch spucken sollte, war mir aber zu gut für solche Kindereien und verschloss den Schlitz rasch mit der zusammengeknüllten Zeitung.
Von nun an hasste ich meine Abende. Ich horchte und hörte, wie er drüben den irdenen Becher auf seinem Tisch hin und her schob. Er trank da also ohne mich, das Scheusal. Was immer er auch trinken mochte ohne mich.
Nach drei Tagen klopfte abends Raimundo an meine Tür. Sein rotes Hemd leuchtete in der Dämmerung. "Mein Herr bittet Sie um den großen Gefallen, in seinem Garten eine Margarita mit ihm zu trinken." Und als ich zögerte, fügte er bescheiden hinzu: "Mit Verlaub, Señora, ich mache die besten Margaritas der ganzen Stadt." Das war nicht gelogen, wie ich bald schmecken konnte, und er machte auch die wunderbarsten Tacos und Gorditas und Nopales dazu.
Der erste Schluck von einer Margarita ist wie ein Versprechen. Don Ignazios weiße Zähne leuchteten, als er lachte. Dennoch hatte er nur wenig von einem nackten Affen, wenn man ihn von so nahe betrachtete, und er stank auch keineswegs. An diesem Abend betrachtete ich ihn von ziemlich nahe und später beroch ich ihn auch ziemlich ausgiebig. Das war bei unserer vierten Margarita, und über uns fingen die Sterne an zu duften, als wäre der Himmel ein einziger großer Nardenstrauß.
4 cl Tequila
2 cl Triple Sec
2 cl Zitronensaft

Klaus Dennhardt